Kinder mit Autismus lernen anders

Österreichische Autistenhilfe, Wien, diverse Zimme…Foto: KURIER/Gerhard Deutsch Während andere Eltern im Alltag die Aufmerksamkeit ihres Kindes vielleicht auf einen herumtollenden Hund lenken, sagt Barbara Brandfellner etwa: „Schau, da ist ein Achter auf dem Schild.“ Martin findet andere Dinge spannender als die meisten Kinder. Und er ist genau. „Wenn wir sagen, um 8.10 Uhr gehen wir in den Kindergarten, dann besteht er darauf, dass wir wirklich um exakt 8.10 Uhr aufbrechen, nicht bereits um 8.05 Uhr.“

Martin ist Autist, von klein an faszinieren ihn Zahlen und sich bewegende Dinge. Da hat der KURIER-Fotograf leichtes Spiel. Martin inspiziert die Anzeigen und Fotos auf dem Display der großen Profi-Kamera ganz genau. Regelmäßig kommt der Bub zu Therapien im Dachverband Österreichische Autistenhilfe in Wien.

Was ist Autismus?

Grafik: iStockphoto/kraphix/THINKSTOCK Bildnummer:…

 

 

Lernorientierter Ansatz nach den Bedürfnissen des Kindes

Im neuen Therapiezentrum in der Dampfschiffstraße wird mit der „Applied Behavior Analysis“ (ABA) gearbeitet. In den USA ist dieser lernorientierte Ansatz Standard in der Förderung autistischer (Klein-)Kinder, in Österreich übernehmen die Kassen diese Therapie nicht. „Doch sie verändert sehr viel bei den Kindern und ist derzeit die international am besten empirisch untersuchte Therapiemethode bei Autismus-Spektrum-Störungen“, sagt Jutta Steidl, Präsidentin des Dachverbands österreichischer Autistenhilfe. „Kinder mit Autismus lernen anders und werden durch andere Dinge motiviert.“ Gefördert werden Aufmerksamkeit, Sprache, soziales Verhalten, kognitive Fähigkeiten oder Spielverhalten – ganz nach den Bedürfnissen des Kindes. „Den Autisten“ gibt es nicht, das Spektrum ist extrem breit, betont Zentrumsleiterin Sonja Metzler. Der Welt-Autismustag am 2. April soll das Bewusstsein für die besonderen Bedürfnisse von Menschen mit dieser Störung erhöhen.

Reizarme Umgebung verhindert Ablenkungen

Österreichische Autistenhilfe, Wien, diverse Zimme…Foto: KURIER/Gerhard Deutsch In den Therapieräumen erwarten die Klienten allerdings leere Regale. Die möglichst reizarme Umgebung soll Ablenkungen verhindern. „Lernen läuft bei Autisten nicht so nebenbei“, erklärt Metzler. „Man muss den Kindern vieles gezielt beibringen, wo andere durch Abschauen und Nachahmen lernen.“ Die Herausforderung: Herauszufinden, was genau das Kind motiviert. „Man muss vieles erst interessant machen, damit es merkt, es macht Spaß, etwas mit anderen zu tun.“

Österreichische Autistenhilfe, Wien, diverse Zimme…Foto: KURIER/Gerhard Deutsch Die Spiele und Geräte werden dann jeweils für die Therapiestunde aus einem großen Archiv geholt. Wesentlich ist auch, mit einem Belohnungssystem zu arbeiten: Die Kinder dürfen später selbst ein Spiel als Pausenbeschäftigung aussuchen. „Ein autistisches Kind braucht ein engmaschiges Netz aus Regeln, Ritualen und klaren Ansagen“, sagt Steidl.

Frühe Diagnose erhöht die Entwicklungschancen

Je früher spezielle Förderung beginnt, desto besser sind die Entwicklungschancen. Steidl: „Internationale Erfahrungen zeigen, dass Therapien zwischen drei und sechs Jahren am effektivsten sind.“Barbara Brandfellner ist rückblickend froh, dass sie und ihr Mann Martin nach dem ersten Verdacht früh untersuchen ließen. „Er hatte ein ganz anderes Spielverhalten als Gleichaltrige.“ Die Diagnose erhielt die Familie, als Martin 16 Monate alt war. „Wir wussten nun, dass es einen Grund gibt, warum er bestimmte Dinge so und nicht anders macht. Er kann halt nicht aus seiner Haut.“

Die frühe Förderung – „das Ausschöpfen aller Möglichkeiten“ – habe sich ausgezahlt. „Auch wenn wir auf Hilfe angewiesen sind, es hat sich alles gut entwickelt.“ Martin besucht als Integrativkind einen Kindergarten, im Herbst wechselt er in die Volksschule. Wie bisher wird ihn eine Stützkraft im Alltag begleiten. „Das braucht er auch. Er lässt sich gerne von Kleinigkeiten ablenken.“

Die Familie fühlt sich gut in ihr privates und therapeutisches Netzwerk eingebunden. „Wir wollten immer, dass für Martin das Beste herausschaut.“ Bis heute ist Martin wenig an Spielen mit anderen Kindern interessiert und findet das „gar nicht spannend“. Aber: „Er beobachtet gerne spannende Spiele.“ Und oft schießen ihm Zahlen durch den Kopf. Die sind für den Buben definitiv interessanter, als Nebensächlichkeiten wie An- oder Ausziehen.

Benefizkonzert für Autistenhilfe mit Anna Netrebko

Künstler gestalten einen Abend im Musikverein.

Hochzeit von Anna Netrebko und Yusif Eyvazov Foto: KURIER/Franz Gruber Bei ihrem Sohn Tiago (im Bild bei der Hochzeit seiner Mutter mit Yusik Eyvazov im Dezember 2015 in Wien) wurde vor einigen Jahren eine autistische Störung diagnostiert – das ist mit ein Grund, warum sich Opernstar Anna Netrebko immer wieder öffentlich für Autisten engagiert. Am 26. April tritt die Sopranistin als Stargast bei einer Konzertgala im Musikverein (19.30 Uhr, Goldener Saal) auf.

Der Abend steht unter dem Motto „Befreit Autisten aus ihrer Isolation – All for Autism“  – heuer zum zweiten Mal. Unter den Künstlern sind etwa Netrebkos Ehemann,  Tenor Yusif Eyvazov, Mezzosopranistin Annely Peebo, Geigerin Lidia Baich oder Schauspieler Jan Josef Liefers mit seiner Band Radio Doria.  Soundtüftler [dunkelbunt] wird groovende Beats beisteuern.

Ihre persönlichen Erfahrungen schilderte Netrebko  2014 in einem Interview mit einem russischen TV-Moderator. „Ich habe gedacht, warum spricht das Kind nicht? Ich dachte zunächst, weil es vier Sprachen hört.“  Tiago besuche eine Schule in New York und mache gute Fortschritte, erzählte ihr Ehemann Eyvazov im Vorjahr in einem KURIER-Interview. „Er hat gelernt Gefühle zu artikulieren, was für Kinder mit Autismus ganz schwierig ist.“

autistenhilfe…Foto: /Autistenhilfe Info
Karten sind unter  0676 / 844 217 577 und im Musikverein erhältlich.

1 Kommentar zu "Kinder mit Autismus lernen anders"

  1. Nein. ABA ist NICHT „nach den Bedürfnissen des Kindes“.

    ABA ist das genaue Gegenteil. Diese Therapieform zielt darauf ab, autistischen Kindern all das abzuerziehen, dessen sie dringend bedürfen, um ausgeglichen und gesund zu sein.
    Repetitives Verhalten, Stimming wird aberzogen. Die Isolation, Rückzug von anderen Menschen und den Reizen der Welt die für Autisten so unendlich wichtig sind, um sich zu erholen werden als negativ gesehen.
    Blickkontakt, der faktisch völlig unwichtig ist und lediglich von unserer Gesellschaft als Muss deklariert wird, wird erzwungen. Autisten schadet erzwungener Blickkontakt. Er sorgt dafür, dass Kommunikation, die doch so erwünscht ist, schwieriger wird. Informationen die von Gesichtsausdruck und Augen vermittelt werden sind für die meisten Autisten unlesbar. Erzwungener Augenkontakt sorgt nur dafür, dass Autisten schlechter zuhören, dem Gespräch folgen und daran teilnehmen können.

    Sagen wir es mal, wie es ist:
    In ABA werden Autisten trainiert Kommandos zu befolgen wie Haustiere, nicht wie Menschen.
    Und sie lernen, dass alles, aber auch wirklich alles, was sie ausmacht, falsch ist und geändert werden muss.

    Autisten engagieren sich seit Jahrzehnten für die Abschaffung von ABA als veraltetem und schädlichem Therapiekonzept. Fragen sie Autisten wie es ihnen während der Therapie ging und wie danach. Nicht Nicht-Autisten die, ganz banal gesagt, keine Ahnung haben, wie es ist.

    Mfg
    Eine Autistin die ABA am eigenen Leib erfahren hat und täglich unter den Auswirkungen leidet. Nicht unter ihrem Autismus.

Hinterlasse einen Kommentar

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*