Jane Gardam: Fehlt nur noch der Liebhaber

There’ll always be an England: Dazu gehört auch, dass sich einer von den aussterbenden bestens gekleideten Gentlemen von einem Priester, der bloß Jeans trägt und ein T-Shirt, nicht die Letzte Ölung geben lässt.

Niemals.

Muss ja auch nicht sein.

Sir Edward Feathers, genannt Filth bzw. nach der Pensionierung Old Filth, wird als fast 90-Jähriger beim Verlassen eines Flugzeugs tot umfallen.

Als „Ein untadeliger Mann“ ist er in die Literatur eingegangen.

Und seine Frau Betty wird im Garten beim Pflanzen der geliebten Tulpen tot umfallen.

Augen zu

Betty ist „Eine treue Frau“, so heißt der eben erschienene zweite Teil der Trilogie; und nun kann man sagen, alles in allem waren die zwei tatsächlich untadelig und treu, nahezu. Trotz Sturm und Freiheit in den Augen.

Aber dann werden sie halt zugemacht, die Augen.

Mit dem Thema allein hätte man in der Bücherflut untergehen können.

Die Romane sind ein Triumph der Erzählkunst.

Unter dem Titel „Old Filth“ ist Buch Nr. 1 bereits vor elf Jahren in England erschienen, wo die mittlerweile 87-jährige Autorin Jane Gardam keine Unbekannte ist.

Im deutschsprachigen Raum war sie es; und wurde im Vorjahr fast zur Berühmtheit. Die Zeit sprach (leicht seltsam, jedoch wie viele Kritiker in tiefer Verehrung) vom „neuen It-Girl der englischen Literatur“.

Das ist ihre Geschichte: Filth und Betty waren sogenannte Empire-Waisen. Sie kamen in den Außenstellen – Indien, Malaysia – zur Welt und wurden mit vier, fünf weggerissen und von den Eltern „nach Hause“ verpflanzt, wegen der Schulbildung (und um Ruhe beim Empire-Bauen zu haben). Oft warteten Pflegeeltern, die nur aufs Geld aus waren.

Filth brachte es trotzdem weit. Nach Hongkong ging er, ein erfolgreicher (Kron-)Anwalt und Richter. Als er Betty einen Heiratsantrag machte, musste sie ihm versprechen, ihn nie zu verlassen.

Weil er als Kind immer verlassen wurde.

Betty versprach’s; und verschaute sich nur Stunden später in einen lustigeren Anwalt, der sogar in Shorts auf Partys ging. Englischer Teufelskerl.

Aber was liegt, das pickt,

Filth und Betty wurden gemeinsam alt und reich und blieben kinderlos.

Irgendwie traurig, manchmal sehr traurig. Jane Gardam lockert mit britischem Humor auf – etwa wenn, das hat jetzt nichts mit Betty zu tun, eine brave Haus- und Ehefrau zur Tochter sagt:

„Hitler ist in Polen einmarschiert, aber sag es noch nicht dem Vater, es gibt heute sein Lieblingsessen. Ochsenschwanzsuppe.“

Wenn sich der alte Filth, längst ist er in England zurück, endlich, endlich von seinen Gefühlen überfluten lässt wegen der verpassten Momente in seinem Leben, dann ist man ihm sehr nah. Betty – im Mittelpunkt von Roman Nr. 2 – kann da nicht mithalten.

Deshalb ist, schrecklich subjektiv gesprochen, „Die treue Frau“ nicht ganz so interessant wie „Ein aufrechter Mann“.

Man kann allein den neuen Roman lesen, er ist völlig eigenständig. Fragt sich nur: Warum sollte man solches tun? Den vollen Genuss hat, wer beides liest.

Dazwischen unbedingt eine Pause! Widrigenfalls könnte so etwas wie tödliche Routine entstehen.

Fehlt Teil drei der Trilogie, in England und den USA ist „Last Friends“ bereits erschienen. Es geht um den Mann in kurzen Hosen.

Wenn Betty tot ist, werden er und Filth miteinander Schach spielen.

Es gewinnt: die Literatur.

Jane Gardam:
„Ein untadeliger Mann“
Übersetzt von Isabel Bogdan. Hanser Berlin Verlag. 345 Seiten. 23,60 Euro.

Jane Gardam:
„Eine treue Frau“ Übersetzt von Isabel Bogdan. Hanser Berlin Verlag. 272 Seiten. 22,60 Euro

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