Deutschland-Besuch: Obama rät Europa zu mehr Einheit

Der US-Präsident fordert die Fortsetzung der EU-Integration und den Kampf gegen Abschottungstendenzen. Er will mehr Offenheit und mehr Handel – gemünzt auf TTIP.

Berlin. Der Blick von außen bringt oft mehr Klarheit in eine Situation als die Sicht von innen. In genau dieser Rolle des distanzierten Beobachters gab sich auch Barack Obama bei seinem Besuch in Hannover. Europa dürfe nicht an seinen grundlegenden Errungenschaften zweifeln. Etwa an der EU-Integration – sie sieht der US-Präsident durch Abschottungstendenzen der einzelnen Staaten gefährdet. Ja, Globalisierung und Bedrohungen würden bei vielen die Frage auslösen, ob es nicht besser sei, sich zu trennen und wieder Mauern hochzuziehen, sagte er in einer Grundsatzrede am Montag. Doch das seien die falschen Antworten. Gerade jetzt brauche es mehr Zusammenarbeit und eine größere Offenheit. „Ihr seid stärker, wenn ihr zusammensteht.“

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Genau hier ist aber erkennbar, dass Obama mitnichten der distanzierte Beobachter ist – hinter seinem Appell stehen handfeste amerikanische Interessen. Das Freihandelsabkommen TTIP zum Beispiel, das er gern noch während seiner Amtszeit abgeschlossen sehen möchte. Oder der Kampf gegen den Terror, bei dem er die Unterstützung aus Europa vermisst. „Etwas selbstgefällig bezüglich der eigenen Verteidigung“ bezeichnete er Europa und mahnte, dass die Europäer mehr zur Bekämpfung der Terrormiliz IS tun könnten. Gemeinsam müssten Europa und die USA ihre Wertebasis verteidigen.
Obamas Besuch in Deutschland ist dabei der Abschluss einer Tour, die dazu diente, Verbündete wieder auf Kurs zu bringen oder zu halten. In Saudiarabien betonte er die Loyalität der USA zu den Golfstaaten, in Großbritannien warnte er vor dem Brexit, und in Hannover kam schließlich der Appell an die Einheit Europas.

„My friend Angela“

Besonders Deutschland hob er dabei hervor. Dass etwa gerade „Giganten wie Konrad Adenauer“ nach dem Zweiten Weltkrieg dafür gesorgt hätten, dass aus Feinden Verbündete werden. Und auch an Angela Merkel verteilte er Lob. Konkret in der Flüchtlingspolitik zeige Deutschland wie kein anderes Land, dass die Welt keine Mauern mehr brauche. Man könne sich nicht durch Barrieren definieren, die Menschen abweisen oder im Land halten sollen. Ein Lob, das Merkel sehr entgegenkommt. Und so, wie der scheidende US-Präsident durchwegs Standpunkte vorbrachte, die auch Merkel vertrat, verlief auch der Rest des Besuchs äußerst harmonisch.
Sogar ein wenig Necken unter Freunden war da möglich. „Buy German ist auch schön“, hatte Merkel etwa am Sonntag zur Eröffnung der Hannover Messe gesagt, deren heuriges Partnerland die USA sind. Obama reagierte am Montag mit einer kleinen Retourkutsche: „Buy made in America“. Selbst die deutsche Kanzlerin musste da lächeln. Tatsächlich ist das Verhältnis zwischen den USA und Deutschland derzeit so gut wie schon lange nicht mehr.

Auch auf persönlicher Ebene sind Merkel und Obama mittlerweile gut eingespielt. „My friend Angela“ nannte der Präsident dann jene Frau, die 2008 verhindert hatte, dass der damalige Präsidentschaftskandidat eine Rede vor dem Brandenburger Tor halten durfte. Und die anfangs mit Obamas pathetischen Auftritten nicht viel anfangen konnte. Selbst sie sprach ihn nun als „lieber Barack“ an und lobte die „freundschaftlichen und vertrauensvollen Gespräche“.
Tatsächlich ist Deutschland derzeit am ehesten die treibende Kraft, die am Zusammenhalten Europas arbeitet. Etwas, was Obama auch erwartet und braucht – als Gegenpol zum weiter aufstrebenden China, zum aggressiver werdenden Russland und nicht zuletzt gegen die Bedrohung durch den IS. Merkel hat diese stärkere Rolle im internationalen Geschehen auch schon angenommen. Unter anderem erweiterte sie das bilaterale Treffen, indem sie für Montagnachmittag auch den britischen Premier, David Cameron, Frankreichs Präsidenten, François Hollande, und Italiens Ministerpräsidenten, Matteo Renzi, zu einem kleinen Gipfeltreffen einlud.

Rückkehr zum Oktoberfest

Das Gespräch markierte das Ende von Obamas Besuch, der sich danach wieder in die USA aufmachte. Allerdings nicht, ohne noch ein Kompliment auszusprechen: „Ich muss zugeben, dass die Deutschen einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen erobert haben.“ Und meinte, dass er noch nie auf dem Oktoberfest gewesen sei. „Ich werde also zurückkommen müssen.“ Dann allerdings nicht mehr als Staatsgast. „Ich denke, das macht mehr Spaß, wenn ich nicht mehr Präsident bin.“

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