Bargeld innerhalb von 30 Minuten

Pfandleihanstalt – so etwas gibt’s noch? Ja, und das Geschäft boomt – trotz niedriger Kreditzinsen. Karin Meier-Martetschläger, selbstbewusste Besitzerin und Geschäftsführerin einer seit 40 Jahren bestehenden Pfandleihanstalt am Wiener Währinger Gürtel mit 12 Angestellten, hat eine logische Erklärung dafür: „Man bekommt von den Banken momentan leichter einen Kredit für 150.000 als für 15.000 Euro. Der Kleinkreditsektor wird von den Banken kaum noch bespielt, weil sie daran fast nichts verdienen. Und die verlangten Sicherheiten sind den Kunden oft zu viel.“

Zwei Prozent Zinsen

Meier-Martetschläger hat sich auf Autos und Lebensversicherungen spezialisiert. Wer zu ihr kommt, erhält extrem kurzfristig, also binnen circa 30 Minuten, Bargeld. Vorausgesetzt natürlich, alle Unterlagen und der zu verpfändende Pkw sind in Ordnung. Sie kassiert dafür zwei Prozent Zinsen pro Monat. Nur wer sich im Privatkonkurs befindet, bekommt kein Geld geliehen. Manch andere Kunden hingegen kehren seit 30 Jahren immer wieder. Die durchschnittlichen Pfanddarlehen bewegen sich zwischen 2000 und 10.0000 Euro. Es geht um kurzfristige Finanzierungsmöglichkeiten: Manche benötigen das Geld nur sechs Wochen, andere maximal ein halbes Jahr. In jedem Fall müssen die Kunden monatlich Zahlungen leisten, um das Pfanddarlehen zu verlängern.

Die Pfandleihanstalt sei in der Mittelschicht angekommen, sagt die Unternehmerin und teilt ihre Kundschaft in drei Gruppen: Zum einen sind es Unternehmer, die scharf kalkulieren. Wenn ein Auftrag nicht rechtzeitig abgeschlossen ist, wollen sie nicht ein schlechteres Firmenrating (und damit höhere Zinsen) riskieren, nur weil sie ihren Banküberziehungsrahmen gesprengt haben. Angesichts der hohen Überziehungszinsen sei es billiger, den Firmen-Fuhrpark bei der Pfandleihanstalt einzusetzen.

Schwierige Kunden

Zum anderen sind es Kunden, die irgendwann einen „Blödsinn“ gemacht haben und den Banken seither nicht mehr als kreditwürdig gelten. Früher hatten Berater die Freiheit, ihr Klientel mit Hausverstand einzuschätzen. Das sei durch die vielen neuen Bankregeln vorbei.

Die dritte Kundenkategorie ist die schwierigste: „Leute, die schwer über ihre Verhältnisse leben, oft auch noch arbeitslos sind.“ Manchen Kunden hilft sie bei der Umschuldung, handelt Ratenzahlungen beim städtischen Vermieter aus, betätigt sich manchmal sogar als Dolmetscherin. „Ich habe wirklich schon viel erlebt. Manche Kunden hatten ein Luxusauto vor der Tür ihrer fast unmöblierten Wohnung stehen.“

Menschenkenntnis

Wie oft schaut sie selbst durch die Finger und verliert das geborgte Geld? Bei weniger als einem Prozent, sagt sie selbstsicher. Alles eine Frage der Menschenkenntnis. „Wenn ich nicht nachvollziehen kann, wie zum Beispiel ein ganz Junger mit wenig Einkommen zu einem Luxuswagen gekommen ist, dann verleihe ich kein Geld.“ Sie spricht viel mit den Kunden, versucht ihnen das Gefühl zu nehmen, Verlierer zu sein. Und wenn jemand laut wird, vielleicht sogar droht, weil er sein geliebtes Auto verliert? „Immer auf der Sachebene und ruhig bleiben“, ist die Devise der Chefin. Zur Not ruft sie die Polizei.

Ungefähr 20-mal im Jahr wird das Auto tatsächlich eingezogen, zur Pfandverwertung kommt es aber höchstens ein bis zwei Mal pro Jahr. Normalerweise finde man eine Zahlungsmodalität, wie der Kunde sein Fahrzeug behalten könne.

Die beste Zahlungsmoral haben laut ihrer Beobachtung übrigens die Türken: In dieser Gruppe sei es eine Frage der Ehre, das Geld auch wieder zurückzuzahlen. Bei Migranten wirkt Mundpropaganda. Österreicher hingegen würden nie zugeben, sich bei einer Pfandleihanstalt Geld geborgt zu haben.

„Wucherer“-Ruf

Aber haben nicht auch die Verleiher selbst einen zweifelhaften Ruf – den als „Wucherer“? Für die Branche gebe es klare Standesregeln, sagt die Unternehmerin, denen man freiwillig beitreten kann. Für Konsumenten ist das am WKO-Gütesiegel erkennbar. Sie ist selbst Vorsitzende im Fachverband der Finanzdienstleister in der Wirtschaftskammer. 54 Pfandleiher gibt es österreichweit (inklusive Filialen rund hundert.)

Meier-Martetschläger verdiente sich schon als Schülerin Geld mit Buchhaltung in der Firma der Mutter. Im Studium von der Praxis in die Theorie umzusteigen – das sei gar nicht so leicht gewesen. 2005 übernahm sie die Firma. Die Mutter sei ihre beste Urlaubsvertretung geblieben. „Ich habe eine Eigenkapitalquote wie eine Bank und gelernt mit Geld umzugehen.“ Gewinnausschüttung gebe es zur Zeit keine, das Geld bleibe im Unternehmen. So schafft man es im Unterschied zu seinen Kunden, immer „flüssig“ zu bleiben.

Betrüger unterwegs

Als die EU 2007 aber den Typenschein von Autos abschaffte und ein leicht kopierbares „COC-Papier“ an seine Stelle trat, verlor die Firma Geld an Betrüger. Denn manche Autos wurden gleich mehrfach finanziert. Erst eine eigene Assetdatenbank, an der Meier-Martetschläger maßgeblich mitgearbeitet hatte, löste das Problem. Mittlerweile melden fast alle finanzierenden Institute die Fahrgestellnummer des betreffenden Autos ein.

Viele Menschen hätten nie gelernt, mit Geld umzugehen, beobachtet die Pfandleiherin. Und immer weniger hätten Ersparnisse. Daher ist sie eine Verfechterin von Eigentum (auch beim Wohnen) und Bargeld. Kinder bis 15 sollten keine Bankkarte bekommen, findet sie. „Um mit Geld umgehen zu lernen, muss man es auch fühlen.“

Ein weiteres Anliegen ist ihr die Frauenförderung. Meier-Martetschläger ist Vorstandsmitglied im Führungskräfteprogramm „Zukunft.Frauen“. Braucht es das noch immer? „Ja“, sagt sie, „es ist mittlerweile zwar unbestritten, dass es viele hoch qualifizierte Frauen in Führungspositionen gibt. Aber in die Champions League – also Vorstandsebene oder Aufsichtsrat – schaffen es nach wie vor sehr wenige.“

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