Ärgster Anschlag in USA seit 9/11

Einsatzkräfte vor dem Club. / Bild: APA/AFP/GETTY IMAGES/GERARDO MOR 

In einer Disco in Orlando in Florida hat ein Mann mindestens 50 Menschen erschossen. Die Polizei geht von einem Terrorakt aus.

Es war die schwerste Attacke in den Vereinigten Staaten seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001: Ein Attentäter hat in einem Schwulen- und Lesben-Club in Orlando im US-Bundesstaat Florida in der Nacht auf Sonntag mindestens 50 Menschen getötet und 53 verletzt, wie der Bürgermeister der Stadt, Buddy Dyer, erklärte. Viele der Verletzten schwebten in Lebensgefahr. Die Polizei geht von einem Terrorakt aus.

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Das Massaker begann in den frühen Morgenstunden. Der Szenetreff Pulse hatte an diesem Abend zur Latino-Nacht geladen: Lateinamerikanische Musik, drei verschiedene DJs, eine Show um Mitternacht. Laut Polizei waren mehr als 300 Menschen in das Nachtlokal gekommen, um zu feiern. Um zwei Uhr in der Früh waren viele von ihnen noch auf der Tanzfläche, als der Angreifer plötzlich zu schießen begann.

Laut Augenzeugen schoss der Mann mit einem Sturmgewehr und einer Pistole wahllos um sich. Ein als Wachmann eingesetzter Polizist versuchte, den Attentäter zu stoppen, und lieferte sich mit ihm ein Feuergefecht. Der Bewaffnete nahm 30 Menschen als Geiseln und hielt sich im Club verschanzt, als die Sicherheitskräfte eintrafen. Drei Stunden dauerte das Drama im Club, bis die Geiselnahme gegen fünf Uhr früh von einem Spezialeinsatzkommando der Polizei beendet wurde. Der Attentäter wurde bei dem Feuergefecht erschossen.

Eine Nähe zur IS-Terrormiliz?

Bei dem Angreifer soll es sich um einen 29-jährigen US-Bürger mit afghanischen Wurzeln handeln, wie mehrere US-Medien übereinstimmend berichteten. Demnach soll er aus dem Bundesstaat New York stammen und in St. Port Lucie gelebt haben, etwa 170 Kilometer südöstlich von Orlando.

Ein ranghoher Beamter der US-Bundespolizei FBI erklärte am Sonntag, der Täter habe möglicherweise eine Nähe zur Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gehabt; noch sei ein islamistisch-terroristischer Hintergrund aber nicht erwiesen. Es werde in alle Richtungen ermittelt. Untersucht werde auch, ob der Mann als „einsamer Wolf“ gehandelt oder Kontakte zu terroristischen Gruppen unterhalten habe. Der Täter soll nicht auf Terrorlisten der Regierung stehen.

Der Vater des Schützen hatte religiöse Beweggründe ausgeschlossen. Er nannte Hass auf Homosexuelle als mögliches Motiv. „Dies hatte nichts mit Religion zu tun“, sagte Mir Seddique am Sonntag. Sein Sohn sei kürzlich über ein schwules Paar aufgebracht gewesen, das sich vor seiner Frau und seinem Sohn geküsst hätten. „Wir wussten von nichts, wir sind ebenso schockiert wie das ganze Land“, sagte Seddique, der im Namen der ganzen Familie für die Geschehnisse um Entschuldigung bat.

In den USA löste die Nachricht von der Attacke entsetzte Reaktionen aus. Erinnerungen an die Bluttat in San Bernardino wurden wach: Erst im Dezember 2015 hatte ein Ehepaar mit Kontakten zum IS in der kalifornischen Stadt 14 Menschen erschossen.

Die Umgebung des Nachtklubs Pulse ist in der Nacht sofort nach den Schüssen weiträumig abgesperrt worden. Augenzeugen berichteten von Dutzenden Schüssen in schneller Reihenfolge – mindestens 40 seien es gewesen, sagte etwa Christopher Hansen dem Sender CNN. „Ich dachte zuerst, es war Musik. Dann warfen sich die Menschen auf den Boden, und ich auch.“

Fluchtaufruf über Facebook

Der Club selbst hatte noch während der Schießerei, etwa um drei Uhr morgens, auf Facebook zur Flucht aufgerufen: „Verlasst Pulse und rennt.“ Viele Menschen flohen aus dem Gebäude, als die Schüsse fielen. Fernsehbilder zeigten Opfer, die von anderen Partygästen aus dem Club getragen und auf die Ladeflächen von Kleinlastwagen gelegt wurden. Manche hatten Blut auf ihrer Kleidung. Die Polizei von Orlando rief über den Kurznachrichtendienst Twitter die Bürger der Stadt auf, die Gegend zu meiden. Vor mehreren Krankenhäusern warteten Freunde und Angehörige der Opfer. Eine Mutter sagte weinend: „Mein Sohn ist hier. Ich weiß nicht, wie es ihm geht.“

In Orlando hatte erst am Freitagabend eine andere Bluttat viele Menschen erschüttert: Ein offenbar geistig verwirrter Mann hatte die populäre Nachwuchssängerin Christina Grimmie nach einem Konzert erschossen. Polizeichef Mina schloss aber jede Verbindung zwischen den Verbrechen aus.

Bürgermeister erklärt Notstand

Orlandos Bürgermeister Dyer rief den Notstand in der Stadt aus und sagte, er habe den Gouverneur von Florida gebeten, dies für den ganzen Staat zu tun. Diese Ausnahmeregelung solle die Ermittlungen erleichtern, an denen örtliche und Bundesbehörden beteiligt sind. Angesichts der großen Zahl an Schwerverletzten riefen die Krankenhäuser in der Umgebung die Bevölkerung dazu auf, Blut für die Opfer der Attacke zu spenden.
Die Vertreter der muslimischen Gemeinde in Orlando warnten davor, voreilig auf radikalen Islamismus als Hintergrund zu schließen. Dies sei keine Zeit für Sensationsgeschichten, erklärte Mohammed Musri. „Es ist ein schrecklicher Vorfall. Wir trauern. Unsere Herzen sind gebrochen.“

(„Presse“-Printausgabe, 12.6.2016)

1 Kommentar zu "Ärgster Anschlag in USA seit 9/11"

  1. Das macht einen jeden fassungslos. Was geht nur in den Menschen heute vor? Diese Brutalität macht mich krank. Rücksichtslos und wahllos werden Menschen einfach umgebracht und ermordet. Das sind keine Menschen mehr sondern Bestien.

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